Die Gethsemane-Kirche

 

Sehenswert: Die Gethsemane-Kirche in Bochum-HammeDie Gethsemane Kirche trägt ihren Namen seit sie 50 Jahre alt geworden ist, vorher hieß sie nur: Kirche an der Amtsstraße. Die Gethsemane-Kirche, eine Kirche, die man nicht sieht. Warum ist sie so versteckt gebaut worden? Die Antwort ist: Der Not gehorchend.

Die evangelische Kirche in Hamme stand vor dem Krieg in der jetzigen Anne-Frank-Straße, da wo jetzt das Adolf-Stöcker-Haus steht. Diese Kirche, ein Bau mit ca. 800 Plätzen, wurde bei den Bombenangriffen auf Bochum gegen Ende des Krieges zerstört. Die Kirchengemeinde hatte nach dem Krieg kein Geld, um sie wieder aufzubauen. Da kam vom ökumenischen Rat der Kirchen ein großzügiges Angebot: Die Gemeinde sollte eine Kirche aus dem Notkirchenprogramm des Architekten Professor Otto Bartning erhalten. Diese Notkirche bestand aus Holzteilen und Fenstern, für die Mauern musste die Gemeinde selbst sorgen. Die Gemeinde nahm dieses Geschenk natürlich dankbar an (wenn es auch einen Pfarrer gab, der sich gegen das Projekt stellte, weil er meinte, die Gemeinde habe dieses Geschenk nicht verdient). Nun stellte sich die Frage, wo die Kirche errichtet werden sollte. Die Wahl fiel auf die Amtsstraße, wie schon gesagt: der Not gehorchend. Hier stand nämlich das Gemeindehaus, das ebenfalls im Krieg von Bomben getroffen worden war. Und an dieser Stelle, an der wir uns befinden, stand ursprünglich der große Gemeindesaal, voll unterkellert

und mit einem soliden Fundament. Man musste also für die Kirche kein neues Fundament gießen, das den Bau verteuert hätte. Deshalb wurden die Steine des zerstörten Gemeindehauses von Gemeindegliederngesäubert und dann für die Wände der Notkirche benutzt. Dieses alte Fundament ist auch der Grund dafür, dass die Gethsemane-Kirche um ein Segment kürzer ist als andere Kirchen aus diesem Programm. Davon gibt es übrigens heute noch 43 in ganz Deutschland, die nächsten stehen in Essen, in Dortmund und in Münster.

Die Steine dieser Kirche erzählen ihre eigene Geschichte, auf einigen erkennt man noch die Brandspuren des Bombenangriffs. Die Wände wirken so lebendig, weil Otto Bartning darauf bestanden hat, dass sie in - wie er selbst es nannte - „polnischer Odnung“ gemauert wurden, sie sind nicht symmetrisch angeordnet, sondern bunt durcheinander. Bei den Fenstern handelt es sich übrigens nicht um Bleiverglasung, sondern um gefärbtes Industrieglas.

Auf zwei Besonderheiten möchte ich noch hinweisen, zum einen auf das Altarkreuz, es wurde von einem Gemeindeglied aus einem Baumstamm nur mit einer Axt hergestellt. Und an dem großen Kreuz befindet sich ein Nagelkreuz.

 

Es wurde hergestellt aus Nägeln der zerstörten Kathedrale in Coventry im Westen Englands. Diese Kirche fiel im Jahr 1940 einem deutschen Bombenangriff zum Opfer. Diese Nagelkreuze wurden als Zeichen der Versöhnung von der Gemeinde in Coventry an andere Gemeinden verschenkt, die ebenfalls ihre Kirche im Krieg verloren haben. Es wurde eine Nagelkreuzgemeinschaft gegründet, der sich Gemeinden in der ganzen Welt angeschlossen haben. In der neuen Kathedrale in Coventry findet jeden Freitagmittag ein Friedensgebet statt, ebenso in allen Nagelkreuzgemeinden. Die Gethsemane-Gemeinde gehört zwar dieser Gemeinschaft nicht an, fühlt sich ihr aber sehr verbunden. Deshalb feiern wir seit über zwanzig Jahren einmal im Monat ein Friedensgebet. Wir wollen gleich unser Treffen in der Gethsemane-Kirche abschließen mit der Versöhnungslitanei aus Coventry.

Wenn es nur darum ginge, die besichtigungswürdigen Gegenstände in dieser Kirche zu benennen, dann könnten wir die Veranstaltung jetzt beenden. Das besondere dieser Kirche liegt aber in ihrer Athmosphäre und die wiederum hat etwas zu tun mit dem Konzept von Otto Bartning, mit dem, was er selbst „die Spannung des Raumes“ nannte.

 

Otto Bartning (1883-1951)

 

Zur Person von Otto Bartning möchte ich nur einige wenige Anmerkungen machen. Er wurde 1883 geboren und starb 1959. Mit seinen ca. 150 gebauten Kirchen gilt er als der führende Architekt des evangelischen Kirchenbaus im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus gilt er als bedeutende Geistesgröße der deutschen Kulturgeschichte. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte er bereits zum „Arbeitsrat für Künstler“, einem Zusammenschluss fortschrittlicher Künstler, Maler, Musiker und Architekten. Hier finden wir klingende Namen wie etwa Klee, Kandinsky, Gropius und Mies van der Rohe, um nur einige zu nennen. Mit Gropius zusammen ist Bartning Begründer der Bauhaus-Idee.

1919 stellt er in seiner programmatischen Schrift „Vom neuen Kirchbau“ seine konzeptionellen Überlegungen zum evangelischen Predigt- und Gemeinderaum vor. Dieses Konzept hat er in seinem Leben konsequent umgesetzt, es wurde wegweisend für den evangelischen Kirchbau. 1926 – 30 war er Professor und Direktor der Bauhochschule in Weimar. Bartning gehörte 1949 zu den Gründungsvätern des „Evangelischen Kirchenbautages“, er war Mitherausgeber der Zeitschrift „Kunst und Kirche“. Neun Jahre lang war er Präsident des „Bundes deutscher Architekten“, darüber hinaus seit 1955 städtebaulicher Berater der Stadt Berlin.

 

 

Otto Bartnings Konzept für den Kirchbau

 

Kommen wir nun zu Bartnings Konzept für den Kirchbau. Für ihn ist jeder Bau ein Bekenntnis. Er formuliert es 1957 so: „ Bauen heißt Sichtbarwerden, heißt bekennen, und zwar bekennen nicht mit Worten, die verklingen oder sich umdeuten lassen, sondern mit Steinen, die bestehen und oft mehr Bekenntnis offenbaren und für Kind und Kindeskinder dartun, als die Bauenden, die Gemeinde mit ihrem Baumeister ahnen.“    

Kirchen sind für Bartning ganz klar Versammlungsorte der Gemeinde zu Predigt und Abendmahl, ein „Sammelpunkt des Lebens, auch des bürgerlichen Lebens der Gemeinde.“ So spricht er von seiner Rundkirche in Essen 1929 „als einer Sonn- und Alltagskirche“ und betont so die Verknüpfung vom Gottesdienst am Sonntag mit dem Gottesdienst im Alltag der Welt. Er beschreibt die Spannung zwischen den baulichen Formen und dem inneren Leben der Gemeinde fogendermaßen:

„Es entspricht evangelischem Wesen, in der Kirche das geklärte Abbild des täglichen Lebens und der täglichen Geisteshaltung zu sehen. Diese aber zielen auf Einfalt, auf Wahrhaftigkeit und Würde, das heißt: die äußere Erscheinung soll Ausdruck des inneren Lebens sein, ohne Trug, ohne Prunk, werbend, einladend durch ihr stilles Sein, ohne reklamehaften Schein.“  

Damit verweist Bartning auf die Sachlichkeit der Bauhaustradition. Kirchen sind für ihn zwar Abbild des täglichen Lebens, zugleich aber aus dem Alltag herausgehobene Gegenräume. Bartnings Kirchen sind keine Versammlungssäle, auch wenn man sie wenn man sie für kulturelle Zwecke nutzen kann. Er fordert, dass der Kirchraum immer eine sakrale Geborgenheit ausstrahlen muss. 

Damit sind wir bei Otto Bartnings Verständnis von Gottesdienst und Liturgie. Er selbst hat gesagt: „Der Bauherr der Kirche ist die Liturgie“. Wie Bartning den Gottesdienst versteht, wird beispielhaft deutlich in seiner Ansprache bei der feierlichen Schlüsselübergabe zur ersten von 43 gebauten Notkirchen:

Wo aber zwei oder drei in der Wüste sich treffen und am besonderen Blick der Augen sich erkennen, da bleiben sie beisammen. Und wenn ihrer 30 oder 40 oder 400 werden, so werden sie eine Gemeinschaft bilden des Schweigens, des zögernden Redens und des plötzlichen Betens und Singens.

 Solche Gemeinschaft in der Wüste aber wird einen Ring von Steinen legen und wird ein Zelt bauen, nicht nur um den Ort des Zusammenseins zu sichern, sondern um diese ihre Gemeinschaft des Geistes sichtbar und also auch in den Sinnen wirksam zu machen.

 Sehet, diese vom Boden auf zueinander geneigte und zum Rund sich schließende Konstruktion, sie ist ein solches Zelt in der Wüste. Wir wissen aber, dass gerade in der Wüstenei der Stadt, dass in der Not und Verwirrung der Seelen die klare Ordnung, die Einfalt und unbedingte Ehrlichkeit dieses Zeltes von tiefster Bedeutung ist. Wir wissen, dass Notkirche nicht notdürftigen Behelf sondern neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not bedeutet.

Wir wissen auch, was für eine besondere, vielleicht für unser heutiges Christentum bedeutsame Aufgabe es ist, Not-Gemeinde zu sein: Nicht zu singen und zu beten, weil es üblich ist, sondern in Notgesang und Notgebet auszubrechen, so wie auch die Not- Predigt aus dem tiefsten Grund aufsteigt. So brechen wir durch, nicht nur für uns, sordem auch für alle unsere Helfer und Stifter zur Freiheit, zur Fröhlichkeit, zur Einfalt und damit zum Reichtum der Not.

Zum Abschluss noch eine persönliche Erfahrung: Ich habe mich in dieser Kirche von Anfang an sehr wohl gefühlt, mehr noch: Ich habe mich zuhause gefühlt. Wenn ich allein hier bin, fühle ich eine tiefe Ruhe, einen tiefen Frieden. Aber nicht nur mir geht es so. Auswärtige Kirchen- oder Gottesdienstbesucher äußern oft ungefragt ihr Wohlbefinden in dem für sie bisher unbekannten Kirchenraum. Er spricht nicht durch Kunstschätze und Malereien oder ehrwürdige Skulpturen, das Auge bekommt nicht viel zu sehen, es ist der Raum selbst, der seine Wirkung ausbreitet, wenn Menschen ihn besetzen, ihn ihm feiern, singen, hören und beten.  

Der Kirchenraum sorgt für eine besondere atmosphärische Dichte. Die Gottesdienstgemeinde wird - so erleben es Prediger und Zuhörer - nicht zuletzt durch die Nähe von Altar und Kanzel zur Gemeinde geformt. Predigerinnen und Prediger erfahren die Nähe der Gemeinde. Die Kanzel steht nur drei Stufen über der Ebene der Gemeinde. Diese Nähe verändert den Predigtstil. Das Deklamatorische, das in großen Kirchen nötig ist, um die Entfernungen zu überbrücken, hebt sich auf und wird zum natürlich gesprochenen Wort.

Die Redner stehen wohl der Gemeinde gegenüber, zugleich aber sind sie immer auch die Predigerinnen und Prediger in der Gemeinde. Eine andere Deutung lässt der Raum nicht zu. Das gleiche gilt für den Altar.  Der Kirchenraum selbst wird zum Predigtgegenstand. Sein Deckenbereich erinnert an ein Zelt, das schützt und bedeckt und Geborgenheit erfahrbar macht, aber zugleich auch auffordert, das wandernde Gottesvolk zu bleiben, unterwegs und doch zu Hause zu sein.  

Dazu kommen folgende Erfahrungen: Die Gottesdienstgemeinde kommt sich in dieser Kirche nicht verloren vor. Auch wenn manchmal nur wenige Menschen den Gottesdienst feiern, ist nicht die Leere vorherrschend, sondern die Erfahrung der Gemeinschaft. Und dann noch etwas, die Kirche bleibt heizbar; auch in Zeiten teurer Energie und knappen Geldes können wir die Kirche an allen Sonntagen des Jahres nutzen.  

Ich möchte zum Schluss noch einmal Otto Bartning zu Wort kommen lassen: „Ich habe mein lebelang Kirchen gebaut in dem bewussten oder unbewussten Drange, die Menschen sanft zu überreden oder hart zu bedrohen, dass sie stille darin werden und auf die innere Stimme lauschen möchten, um alsdann hinauszutreten und aus der inneren Stille heraus stark und klar zu handeln und zu lieben.“

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